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Visionssuche
und Übergangsrituale
Von Shanti E. Petschel
Die VisionsSuche ist ein modernes
Initiationsritual. Es verbindet in sich die
traditionellen Ansätze indianischer Schamanen
Nordamerikas und archaischer Modelle der
Kelten und Germanen, sowie moderne Ansätze
der spirituellen und transpersonalen
Psychologie, der systemischen Tiefenökologie
und der aktuellen Erlebnis- bzw. Abenteuerpädagogik.
Die starken und nachhaltigen Wirkungen ergeben
sich unter Anderem aus folgenden Faktoren:
Isolation:
die Wirkungen von Isolation (Abtrennung von
direktem Kontakt zu anderen Menschen) waren
schon in frühester Zeit bekannt. Ist die Zeit
des Alleinseins selbst gewählt und gut
vorbereitet, hat sie besonders starke Effekte
im Sinne einer ungetrübten Selbstwahrnehmung.
Das Individuum kann seine eigenen Grenzen sehr
gut erfahren, sich dadurch selbst klarer
definieren. Die Beziehung zwischen
„Selbst“ und „Nicht-Selbst“ wird
verdeutlicht. Isolation wirkt also in Richtung
Selbstdefinition, Autonomie und Individuation.
Fasten:
der freiwillige Verzicht auf Nahrung öffnet
die Sinne für den dahinter liegenden Hunger
nach Schönheit, Sinnerkenntnis, Zugehörigkeit,
Gemeinschaft und liebevoller Zuwendung. Fasten
ist ein heilsamer Vorgang an sich und trägt
die Selbstwahrnehmung über übliche
Begrenzungen hinweg. Über die sinnlich-körperliche
Wahrnehmung des Essens-Hungers hinausführend
werden die Sinne wach und quasi gereinigt von
der Fixierung auf das Alltägliche, des
Suchens nach Essen, Trinken und Befriedigung
der ausufernden Konsumbedürfnisse.
Ausgesetzt Sein:
Die Erfahrung, mit der wilden Natur in
unvermitteltem, intimen Kontakt zu sein, ist
ein Schock für uns „Zivilisierte“. Das
eigene Leben wird in einem Kontext sichtbar,
der die grundlegenden Lebensgesetze erkennbar
macht: geboren werden, leben und sterben sind
in ihrer naturgemäßen Verwobenheit deutlich
vor aller Augen. Das Spiel der Naturkräfte
geht nicht mehr durch den Filter der
Zivilisation und der ihr eigenen medialen
Vermittlung. So kommt das Individuum in
unmittelbare Berührung mit dem, was wir
„das Wilde“ nennen und kann sich nicht
mehr vor der Wildnis in sich selbst
verstecken.
Wissen des Wilden:
Ohne zivilisatorische Hüllen, die unnötig
sind, wenn wir uns in unserem eigenen inneren
Zentrum finden, sind wir sinnlich, sensibel
und zugleich wild und zart. Wildnis ist
Unschuld. Sie ist unser aller Anfang und wird
auch das Ende bestimmen. Wildnis bedeutet
auch, die Kontrolle verlieren, oder besser:
erkennen, dass wir sie nie hatten. Wer bei der
Visionssuche draußen sitzt, wird von der großen
Kraft des Wilden umflossen, berührt und
durchtränkt. Die große Mutter Erde bietet
ihre gestalterischen Dienste zur Neugestaltung
des Individuums an...
Ritualisierung:
Die achtsame Begleitung durch ein bewusst
gestaltetes Ritual schafft einen Raum der Würdigung.
Das Geschehen wird durch etwas Festliches,
eine deutliche Erhöhung der Aufmerksamkeit
wichtig. Wenn, wie hier, ein Ritual gewählt
wird, das schon eine sehr lange Zeit so
angewendet wurde und einen zentralen Platz bei
den sozialen Integrationsbemühungen der
Gemeinschaften, die es verwendeten, innehatte,
gewinnt das darin gemeinte Individuum eine
besondere Ehrung und Wertschätzung seiner
Person. Der Sozialorganismus drückt durch ein
solches Ritual seine hohe Anerkennung aus.
Zwang zur Selbstbesorgung:
Durch das Allein-Gelassen-Sein in der Wildnis
wird das Individuum gezwungen, all seine
Besorgungen und die Erfüllung seiner Bedürfnisse
allein und vollständig „autonom“ zu
gestalten. Dabei werden fundamentale Abhängigkeiten
von der Natur als Basis allen irdischen Lebens
offenbar. Dieses Leben in der Einfachheit
zeigt exemplarisch, was wirklich wichtig ist.
Selbstbesorgung wird so zu einem Motor für
Selbstverantwortung, macht erlebbar, was das
bedeutet.
Herausforderung zur Selbstreflexion:
Die Unmittelbarkeit der Naturerfahrung
verweist den Menschen unausweichlich nach
innen: dorthin, wo Gefühle, Emotionen und
Gedanken in Widerspruch und Kampf miteinander
liegen. Erinnerung und Konfrontation mit der
erlebten Vergangenheit spielen eine große
Rolle. Das Individuum fragt sich selbst: wie,
und wodurch bin ich das geworden, was ich
jetzt bin? Wie sehen meine Beziehungen aus und
was sind die Ergebnisse meines Handelns? Die
Arbeit mit einem Tagebuch schafft eine
ureigene „Geschichte“, diese wiederum führt
auf die Spur des persönlichen Mythos.
Wer bin Ich?
Weite Informationen unter
Shanti E. Petschel
www.creavista.org
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